Annäherungen

Sich diese Frage zu stellen, ist für mich tatsächlich ungewohnt und darauf zu antworten, fällt mir nicht leicht. Auf etwas bzw. auf sich selbst stolz zu sein – ich spüre einen inneren Vorbehalt; legt ein christliches Selbstverständnis nicht eine andere Haltung und Lebenseinstellung nahe: bescheiden zu sein, sich eher zurück zu nehmen, keineswegs mit etwas zu „prahlen“? In manchen Aussagen der Bibel wird der Begriff „stolz“ mit „überheblich“ gleichgesetzt. Der Apostel Paulus spricht mehrfach davon, sich nicht seiner eigenen Leistungen und Erfolge zu „rühmen“, sondern stattdessen Gott, dem Geber aller Gaben, dankbar zu sein. In der mittelalterlichen Tradition wird der Stolz sogar als eine der sog. Todsünden verstanden.

Mein Zugang, auf etwas stolz sein zu können - und auch zu „dürfen“ – besteht darin, die Verbindung zu Gott und die eigene Leistung und Beteiligung an etwas Wertvollem und Gelungenem miteinander zu verknüpfen. In diesem Zusammenhang spielt m.E. die Vorstellung der sog. Gottebenbildlichkeit eine maßgebende  Rolle. Sie stellt den Gedanken der Menschenwürde ausdrücklich in einen religiösen und spirituellen Zusammenhang. Gemeint ist ja, dass jeder Mensch unabhängig von seiner Lebensleistung und Selbstwahrnehmung ein einzigartiges Geschöpf ist, dessen Wert und Kostbarkeit (zumindest in den Augen seines Schöpfers) nicht verloren gehen kann. Das, was wir bewirken und erreichen, geschieht ja immer auch in Verbundenheit zum Schöpfergott und seinem Geist, der Kraft und Mut verstärkt und konstruktive Entwicklungen ermöglicht. In diesem Sinn gibt es m.E. einen gesunden Stolz: wir Menschen dürfen stolz, d.h. uns unseres Anteils bewusst, froh und dankbar auf das blicken, was uns gelungen ist und was uns auch in der Rückschau auf die eigene Biographie von Bedeutung bleibt.

Tatsächlich scheint mir, dass ein ausgeprägter und womöglich zur Schau gestellter Stolz eine Tendenz zur Überheblichkeit erhalten kann. Gleichzeitig korrespondiert ein gesunder Stolz aber doch auch mit einer Einstellung der Dankbarkeit und auch einer seiner Möglichkeiten wie Grenzen bewussten Demut. Und man kann fragen, ob jemand, der Stolz für unangemessen hält, nicht zu gering von sich – und seinem Schöpfer – denkt!?

Erinnerungen

Das Erlebnis, auf das ich mich beziehe, liegt schon lange zurück: wohl 1979, ich war 17 Jahre alt. Ich war ehrenamtlicher Mitarbeiter in einer großen kirchlichen Einrichtung. Die verantwortliche Person war für alle eine charismatische Autorität. Im Rahmen einer Art Mitarbeiter – Vollversammlung ging es die Frage, ob es erlaubt sei, an einer anderen, großen kirchlichen Veranstaltung teilzunehmen. Das war tatsächlich ein Thema, weil es sich dabei um ein (kirchen)politisch progressives, ökumenisch offenes Angebot handelte (bei dem der christliche Glaube auch mit politischem Engagement verknüpft war). Der verantwortliche Leiter entschied direktiv, dass „von uns niemand dorthin zu gehen hat“. Weil es schon damals meiner Überzeugung entsprach, hatte ich mir vorgenommen, an dieser „umstrittenen“ Veranstaltung jedenfalls teilzunehmen. Dieses autoritär vermittelte Verbot fand ich in der Sache falsch und inakzeptabel. Meine innere Stimme sagte mir: „Zeig` das jetzt auch!“. Jedenfalls spürte ich – obwohl ich die Atmosphäre als bedrückend in Erinnerung habe und mein Herz sehr schnell schlug – eine ausreichend große Portion Mut in mir, so dass ich meine Hand und Stimme erhob und deutlich sagte: „Das finde ich falsch. Ich gehe jedenfalls trotzdem da hin!“ - Es war dann einige Zeit vollkommen still im Raum – und der Leiter ging zu einem anderen  Thema über… Bestärkt wurde mein Impuls sicherlich auch durch ein Gefühl der Empörung über das autoritäre Vorgehen des Verantwortlichen. Tatsächlich wäre es mir zu wenig gewesen und wäre ich mir auch feige vorgekommen, lediglich „heimlich“ zu besagter Veranstaltung zu gehen.

Ausblick

Die Erinnerung an diese Situation (vor fast 40 Jahren!) ist mir noch recht lebendig vor Augen. Rückblickend ist es eine Art Schlüsselerlebnis für mich gewesen: zu dem zu stehen, was einem wichtig ist; nichts zu versäumen, wenn Herz und Verstand deutliche Signale senden; nicht zu schweigen, weil einem das hinterher leidtun und doch keine Ruhe lassen würde; für den eigenen Standpunkt eintreten – nicht rechthaberisch, sondern weil es dran ist, zumindest eine andere Sichtweise einzubringen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass man dabei gar nicht unbedingt allein „gegen den Rest der Welt“ dasteht, sondern nicht selten auch stellvertretend für andere die Stimme mit erhebt.

Oft habe ich später an dieses Erlebnis gedacht – auch mit Stolz und so, dass ich innere Stärke daraus gewonnen habe, einen notwendigen Konflikt oder ein unangenehmes Gespräch in Angriff zu nehmen. Ich bin davon überzeugt, dass es für unsere Lebens(zwischen)bilanzen bedeutsam ist, sich sagen zu können: es ist dir immer wieder gelungen, in angemessener Weise „ja“ und „nein“ und „Ich“ gesagt zu haben. Mit anderen Worten: sich nicht versteckt oder seine Meinung immer wieder zurück gehalten zu haben, sondern möglichst viel von dem zum Ausdruck gebracht zu haben, was die innere Stimme und eigene Überzeugung einem nahelegt; für das eingestanden zu sein, wofür das eigene Herz schlägt. Dabei muss ich an einen Gedanken des Palliativmediziners Müller – Busch denken. Für die gute palliative Begleitung eines Menschen bis in die Todesstunde sei es von grundlegender Bedeutung, Harmonie, die Erfahrung von Autonomie und eine gemeinsame Sinnfindung zu fördern und erleben zu können. Und er fügt hinzu, dass dieses wohl die drei wesentlichen Elemente menschlicher Würde überhaupt seien. Harmonie verstehe ich in diesem Zusammenhang als einen anderen Ausdruck für Frieden. Er ist nicht zu haben ohne ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Übereinstimmung mit dem, was das eigene Leben sinnvoll und wertvoll machen kann. Dazu kann ein gesunder, begründeter Stolz bestimmt einen wesentlichen Beitrag leisten.

Meine Botschaft