Die Frage nach dem eigenen Ende und seiner Bedeutung für das Leben, nach der Gestaltung meiner Beziehungen, meines Glaubens, meines  Weltbildes, ist eine große Herausforderung.

Das ist für mich schon mutig, mich einem so sensiblen Thema zu stellen, das mich persönlich existentiell in einer Weise angeht wie vielleicht kein weiteres.

Ludwig Wittgenstein schreibt am Ende der Einleitung seines Tractatus:  "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Wie oft höre ich in Gesprächen, dass es schwierig ist, überhaupt Worte zu finden, wenn plötzlich alles sich verändert durch Krankheit, Diagnosen und Lebensumstände.

Diese Un-Möglichkeit des Redens über etwas, das schleichend ins Leben tropft, das man nicht kennt und nicht kennen kann, vielleicht auch gar nicht will.

Ich empfinde es als mutiges Wagnis, um diese radikale Offenheit des eigenen Lebens  zu wissen,  und in eine Zukunft zu gehen, die ich nicht kenne.

Mit der geschenkten, eigenen Lebensenergie stütze und stürze ich mich – vielleicht auch so manch anderer -  in die Zukunft, die auch im Sterben noch (lebens-)verändernd wirkt – manche nennen es auch die Schöpfungskraft Gottes.

Die Vielzahl sprachlicher Anleihen bei den Religionen, den Weltanschauungen und vertrauten Menschen hilft, ein Sprachgeländer der eigenen Gefühle  zu schaffen,  um  für die nächste Wegstrecke  gewappnet zu sein.

Manchmal sind Zwiesprachen mit Sterbenden kleine Horizonte einer Ahnung, um Trost und Hoffnung zu spüren.

Eine 75-jährige Frau kommt in die Klinik mit der Diagnose Brustkrebs.

Sie spreche mit niemandem, sagen die beunruhigten Schwestern auf der Station. Auch das Essen gehe fast vollständig wieder zurück nach den Mahlzeiten.

Beim ersten Besuch ist ein Gespräch nicht möglich. Ich stelle mich vor als Krankenhausseelsorgerin, wolle nach ihr schauen  und sie besuchen.

Keine Reaktion auf meine Gesprächseröffnung. Also äußere ich die Vermutung, heute nicht gelegen zu kommen und füge hinzu, in den nächsten Tagen noch einmal vorbeizuschauen.

Der zweite Besuch verläuft anders. Sie begrüßt mich sofort und spricht mich auf meinen letzten Besuch an. Sie habe, nachdem ich gegangen sei, darüber nachgedacht. Vielleicht ist ein Gespräch hilfreich. Vor einigen Wochen ist ihr Mann gestorben -  nach über 50 Jahren Ehe.

Sie schildert liebevoll den Abschied. Er sei  zuhause gestorben im Ehebett. Lange Monate der Pflege sind seinem Tod vorangegangen....

Wir verabreden einen weiteren Besuch.

Beim dritten Treffen schildert sie, in der Nacht habe sie nicht schlafen können, ihre Gedanken kreisten die ganze Zeit. Bis dann auf einmal ein altes Lied auftauchte in der Erinnerung, das habe sie dann die Nacht über gesungen. Ob ich das auch kenne? Und nun beginnt sie, ihr Lied zu singen, das aus Kirchenchorzeit ihr vertraut ist. Psalm 23:  Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser...... Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir ....

Das habe sie sehr getröstet in ihrem Schmerz.-

Wir hatten noch so manches Gespräch, bis sie zurück zu ihrer Familie und den Enkeln ging. Wir sahen uns nicht mehr.

Vor dem Tod gibt es Lebensgeschichten wie diese.

In meiner Lebensgeschichte fällt mir eine besondere Weisheit meiner Eltern ein, die mich sehr geprägt hat, die mir erst viel später wieder einfiel in der Begleitung Schwerkranker und sterbender Menschen.

Wir wollten als Kinder auf den Wanderungen manchmal einfach nicht mehr weiter, die kleinen Füße wollten eher links oder rechts ab, um viel Interessanteres zu beobachten als immer weiter zu laufen.

"Nur noch bis zur nächsten Kurve, dann schauen wir weiter - mal sehen, was da ist." So der Spruch meiner Eltern. Also bis zur nächsten Kurve und tatsächlich auch da gab es wieder Interessantes.

Früher waren es Kinderfüße und Kinderwege, die in Begleitung und beschützt die Wege suchten und Neues entdeckten. Heute sind meine Füße große Füße und gehen andere Wege, und auch heute gibt es rechts und links viel Interessantes.

Und die große Frage heute: Was kommt dann, und was kommt denn noch? Und dann... Was kommt vor dem Tod? Die Antwort ist: Das Leben leben! 

Und dann, irgendwann Sterben. Vielleicht ist das insofern nicht einfach ein Abbruch des Lebens in die Spurenlosigkeit, sondern ein Bewahrt-werden in der Geschichte der Wege, nachdem ich „die Kurve gekratzt habe“.

"Nur noch bis zur nächsten Kurve, dann schauen wir weiter. Mal sehen, was da ist."

Meine Botschaft